Mittwoch, 8. Februar 2012

Die Musik der Cajuns - Teil 3

Zu diesem Zeitpunkt wurde das ungebremste Bestreben nach kulturellem und sozialem Wiederaufbau durch einige Ereignisse aus der Bahn geworfen. Erstens wurde 190l in der Nähe von Jennings Öl gefunden (ironischerweise an einer als "Evangeline Field" benannten Stelle), was eine Flut von neuem Reichtum und Anglo-Amerikanern nach Französisch-Louisiana brachte.

Zweitens wurde von staatlichen und örtlichen Schulbehörden 1916 die englische Sprache zur Pflicht gemacht und französisch aus den Grundschulen verbannt.

Drittens brachte der 1.Weltkrieg Cajuns und Kreolen mit dem Rest der Welt in Kontakt und machte ihnen ihre Stellung als Minderheit innerhalb eines großen amerikanischen Zusammenhanges bewußt.

Viertens überfluteten die Massenmedien und die überregionalen Radiosender mit ihren glatten Programmen lokale Bemühungen und drückten die einheimische Kultur in den Schatten.

Schließlich öffneten verbesserte Verkehrsmittel und neue Straßen den Zugang zur ehemals isolierten Gegend.

Zusammenschluss der Völker Amerikas zu einer Nation

Der Schmelztiegelgedanke von Theodore Roosevelt schloß die Völker Amerikas zu einer Nation zusammen. In Südlouisiana wurden die französische Kultur und Sprache zu einer Last, von der sich die Cajuns schleunigst lösen wollten, um den Anschluß ans Mutterland nicht zu verpassen. Klassenunterschiede, die in der akadischen Gesellschaft von Louisiana schon sehr früh aufgetaucht waren, wurden durch die Amerikanisierung und die große Depression noch verstärkt. Die lebhaft nach Fortschritt strebenden Cajuns, von Patricia Rickels als „gehobene Akadier“ bezeichnet, deren Vorfahren das Louisianische-Kreolische Plantagensystem unterstützt hatten, setzten dem was ihnen ein Schritt in die richtige Richtung schien wenig oder gar keinen Widerstand entgegen. Geld und Bildung wurden als der Weg nach oben und heraus aus der Minderwertigkeit gepriesen. Viele Verantwortliche in der lokalen und nationalen Verwaltung förderten begeistert den Amerikanisierungsprozess, vor allem in den Schulen. „Französisch“ zu sein war eine Schande und die weniger an sozialem und wirtschaftlichem Aufstieg interessierten Cajuns, die ihre Sprache und Kultur in der (selbstgewählten) Isolation pflegten, bekamen diesen Schandfleck aufgedrückt. Schon das Wort „Cajun“ und die neue, boshafte Wortschöpfung „Coonass“ wurden zur ethnischen Verunglimpfung, gleichbedeutend mit Armut und Ignoranz und dies steigerte sich bis zum Vorwurf der kulturellen Rückständigkeit. Die unberührten Prärien, die in Reiseberichten aus dem 18. und 19. Jahrhundert als verlorenes Paradies geschildert wurden, verkamen zum Schuttplatz für den gefährlichen Abfall des Schmelztiegels Amerika.

Die Cajun-Musikszene in der Mitte der 30er Jahre spiegelt diese sozialen Veränderungen wider. Musiker gaben den traditionellen Stil der Jahrhundertwende zugunsten neuer, stark von Hillbilly Musik und Western Swing beeinflußter Lieder auf. Das einst vorherrschende Akkordeon verschwand abrupt, angeblich weil aus dem im Krieg befindlichen Deutschland keine Instrumente zu bekommen waren. Tatsächlich aber fiel das Akkordeon dem wachsenden Mißtrauen, das die gerade amerikanisierte französische Bevölkerung Louisianas gegen alles Althergebrachte äußerte zum Opfer. Durch die Geldknappheit während der Depression strichen die Plattenfirmen lokale und ethnische Musik aus ihrem Programm. Als sich die wirtschaftlichen Bedingungen in den späten 30er Jahren besserten, nahmen sie nur Musik für das breite, nationale Publikum auf. Als Lieder aus Texas und Tennessee das Land überschwemmten, entstanden überall in Südlousiana Gitarren- und Geigenbands, die den Musikstil von Bob Wills and The Texas Playboys nachahmten und den hohen, melancholischen Klang von Bill Monroe kopierten. Unter den ersten Stars dieser neuen Richtung waren die Hackberry Ramblers ( mit Luderin Darbonne an der Geige ), die neue, swingende Versionen von bekannten Cajun-Klassikern wie „Jolie Blonde“ aufnahmen. Sie veröffentlichten auch Eigenkompositionen wie „Une Piastre ici, une Piastre là bas“. Ein Lied welches Leben in einer geldorientierten Wirtschaft, die von der Depression gebeutelt wird, beschreibt:

When I turned twenty-one years old,
My father told me that I was in the race.
‚You’ve got to stop spending
A dollar here and a dollar there

Quand j’ai eu vingt et un ans
Mon père m’a dit que j’étais dedans
‘C’est l’heure que t’arrêtes de dépenser
Une piastre ici, une piastre là-bas

Befreit von den Einschränkungen des Akkordeons, verarbeiteten die neuen Geigenbands sofort verschiedene Einflüsse von außen. Die Darbonne Ramblers benutzten als eine der ersten elektrische Verstärker. Mitte der 30er Jahre waren überall in Louisiana die Tänzer schockiert, Musik zu hören, die nicht nur von der Bühne, sondern auch vom anderen Ende des Tanzsaales durch Lautsprecher kam. Die Elektrizität kam von einem vor der Tür stehenden, mittels eines Ford Modell T betriebenen Aggregates . Elektrische Steelgitarren und Trap-Drums wurden der Standardinstrumentierung der Bands hinzugefügt, als die Cajuns mehr und mehr mit von den Anglo-Amerikanern entliehenen Klängen experimentierten. Der Einsatz von Verstärkern zwang die Geiger nicht mehr, den Bogen kräftig über die Saiten zu ziehen, damit sie sich Gehör verschafften sondern sie konnten einen leichteren, beschwingten Strich entwickeln der sie wegführte von der seelenvollen Intensität des früheren Stils. Zweifellos der populärste Cajunmusiker seiner Zeit war Harry Choates, geboren in der Nähe von Rayne im Acadia Parish. Wie viele seiner Zeitgenossen zog er jedoch mit seiner Familie in den Osten von Texas, um in der während der 40er Jahre aufblühenden Schiffsbau- und Ölindustrie zu arbeiten. In Liedern wie „Austin Special“ und dem „Port Arthur Blues“ benutzte er das Thema aus „Tu m’as quitté pour t’en aller au grand Texas“ , das allgegenwärtig werden sollte in der modernen Cajunmusik. Choates streute in seine Lieder wie „Louisiana Boogie“ auch englische Texte ein und nahm Western Swing Standardlieder wie „Rubber Dolly“ auf, um ein größeres Publikum zu erreichen. Seine Popularität brachte ihn westwärts bis Austin, tief im Herzen von Texas, wo er an Wochenenden bei den regelmäßig stattfindenden Tanzveranstaltungen spielte. Seine vereinfachte Version von „Jolie Blonde“ wurde zur Standardversion die Bands überall in Südlouisiana nachspielten, und schaffte es sogar bis zum regionalen Hit. Schließlich begannen Bands zweisprachig aufzunehmen und akzeptierten allmählich die englische Sprache. 1947 brachten die Oklahoma Tornadoes den Song „Dans la Prison“ heraus:

Dans la prison, la hell avec ca.
Moi, je connais ca sera longtemps.
Dans la prison, la hell avec ca.
Moi, je m’en reviens dans vingt-quatre ans.“

Darbonnes Band, die französische Swingmusik unter dem Namen Hackberry Ramblers veröffentlicht hatte, nahm englische Country Songs unter dem Pseudonym „Riverside Ramblers“ mit dem Vokalisten Joe Werner auf. Dabei entstanden lokale Hits wie „Wondering“. Auf Platten gepreßte Cajunmusik kam immer mehr von der französischen Sprache und den traditionellen Klängen weg. Sogar Joe Falcons Frau Cléoma verliess ihre Wurzeln als sie 1947 „Hand me down my Walking Cane“ in einem dem südöstlichen Gebirgssound angelegten Stil aufnahm.

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Geschichte - Teil 4: http://www.akkordeon.de/node/21/
Geschichte - Teil 5: http://www.akkordeon.de/node/24/

Mit freundlicher Genehmigung von Michael Bentele. www.cajunweb.de

CD: Cafe Cajun

CD: Legends of Zydeco

CD: Zydeco